Interview mit Lukas Hermsmeier, freier Journalist, New York.

Interview mit Lukas Hermsmeier, freier Journalist, New York.

Er hatte genug von Berlin und genug gespart um drei Monate durchzuhalten. Dann hat er den Flieger genommen und eine Wohnung in Brooklyn. Das war vor ca. 3 Jahren. Und er fühlt sich verdammt wohl dort: Lukas Hermsmeier, freier Journalist aus New York.

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Martin: Hallo Lukas, du bist freier Journalist und lebst seit drei Jahren in New York. Ich nehme an, es gibt im Leben leichtere Entscheidungen. Was hat für dich dafür gesprochen den Sprung zu wagen?

Lukas: Es war vor allem meine Unzufriedenheit. Ich war sehr jung Redakteur bei einer Boulevardzeitung in Berlin, was eine Zeit lang irre und aufregend war. Reportagen, Konferenzen, Titelseiten, der tägliche Geschichtendruck. Ich glaube aber, dass ich mich zu jung in professionellen Arbeitsstrukturen bewegt habe. Und irgendwann hat mich dann mein Leben selbst gelangweilt. Also musste ich raus. New York klang schön groß. Und da kannte mich niemand.

Du lebst von deiner Tätigkeit als Journalist und warst auch schon in der New York Times zu lesen. Was hat dir geholfen hier Fuß zu fassen?

Ich bin durch große Zufälle in einen Freundeskreis gestolpert, der mein Leben schön durcheinander gerüttelt hat. Diese Menschen bedeuten für mich New York. Und es war hilfreich, Kontakte in verschiedene deutsche Redaktionen zu haben. So konnte ich meine Textideen direkt anbieten.

Wie kommst du auf deine Themen?

Da ich kein Newsjournalist bin, ist mein Lieferdruck geringer. Ich habe also mehr Zeit zum Lesen. Und sonst hilft, alte Binse: Gut zuhören.

Du schreibst hauptsächlich Reportagen über gesellschaftlichspolitische Themen. Jedenfalls bist du immer nah an den Menschen dran und beschreibst unterschiedlichste Lebenswirklichkeiten, so sehr sie auch aus dem Rahmen fallen mögen. Was reizt dich an dieser Aufgabe und wie bewertest du die Rolle eines Journalisten in der heutigen Zeit? Oder hast du auch ein persönliches Anliegen (Mission), in deiner Rolle?

Auch wenn sich das sehr egozentrisch anhören mag, aber für mich war Journalismus immer primär Mittel zum Zweck. Ich kann mich mit Themen und Menschen beschäftigen, die mich interessieren, die ich als wichtig empfinde. Wer und was das ist, hat sich über die Jahre verschoben und wird sich hoffentlich auch weiter verändern. Jeder Journalist findet allerdings seinen eigenen Zugang, seine eigene Rolle. Manche ziehen ihre Motivation aus der Idee der vierten Gewalt. Für mich war es das nie.

Aktuell scheint der Auftrag, den sich die unabhängigen Medien gegeben haben und der, der ihnen vom aktuellen Präsidenten zugesprochen wird, buchstäblich zu kollidieren. Hat das Konsequenzen und Auswirkungen auf deine Arbeit? Wie erleben es deine amerikanischen Kollegen?

Der größte Unterschied für mich persönlich: Unlustige Fake-News-Kommentare, zu denen ich mich irgendwie verhalten muss. Abgesehen davon haben sich durch Trump natürlich bestimmte Debatten und Themen verschoben. Plötzlich diskutieren die USA das Thema Antifa! Aber die Arbeit an sich ist für mich weder schwieriger noch einfacher geworden, und den meisten meiner amerikanischen Freunde geht es genau so. Man darf nicht vergessen: Journalismus, das ist ein ziemlich privilegierter Beruf, vor allem in Ländern wie Deutschland oder den USA.

Wie sieht deine längerfristige Perspektive aus (sofern das Leben überhaupt planbar ist) – wirst du erst mal auf unbestimmte Zeit in New York leben?

Es gibt weiterhin keinen Masterplan, worüber ich meistens glücklich bin. Im kommenden Jahr werde ich aber vermutlich die Zeit zwischen New York und Berlin aufteilen. Drei Monate hier, drei Monate dort, und so weiter.

Was schätzt du am meisten an diesem Land und an New York?
Und was sollten wir in Europa über das aktuelle Amerika wissen, um die Geschichte mit dem twitternden „angry old man“ besser einordnen zu können?

Schwierig, an dieser Stelle ohne Klischees auszukommen. New York ist groß, in alle Richtungen, vor allem nach unten. Viel Wahn, viel Bewegung, viel Widerstand. Die linke Kulturszene ist sehr interessant. Der Himmel in Amerika ist größer! Und zu Trump: Der interessiert mich tatsächlich weniger als die 60 Millionen, die ihn gewählt haben.

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