New York – Hauptsache du glaubst an dich. Fake it till you make it.

New York Skyline Staten Ferry

New York Skyline @sunset view from Staten Ferry

Alles ist gepackt, morgen gehts auf den Flieger.

Ich frage mich, was New York für mich so besonders macht. Die Menschen auf jeden Fall. Auch in der Alltagshektik und auf der Strasse versprühen sie eine Art Optimismus und scheinen ständig achtsam aufeinander zu sein. Das hat mich letztes Mal schwer beeindruckt. Ob sie das aus Überzeugung tun oder weil sie sich nicht anmerken lassen wollen wie hart sie dafür arbeiten, kann ich nicht beurteilen. Für die meisten Menschen denen ich dort begegnet bin ist das Leben kein Zuckerschlecken. Die Löhne im Dienstleistungsgewerbe sind schlecht und der Wettbewerb gnadenlos. Viele einfache Angestellte strahlen trotzdem eine Art Würde aus.

Und dann gibt es die, die jeden wissen lassen wollen, dass sie es geschafft haben. Mindestens eine iWatch am Handgelenk oder lieber gleiche ein mechanisches schweizer Modell, Hipster-Klamotten oder Massanzug – Hauptsache ist doch, dass du selbst an dich glaubst. Dann machen es die anderen auch.

Fake it till you make it.

„Die US-Gesellschaft ist bis heute tief geprägt von der Kolonial-Ideologie eines breiten wohlhabenden Bürgertums und breiter verbürgerlichter Arbeitermassen: Jeder hat sich selbst zu helfen; wer es nicht schafft, trägt selbst die Schuld, weil er nicht fleißig und nicht tüchtig genug ist; oder er findet kein Glück – das erscheint im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ eigentlich ‚unverständlich‘; anderen zu helfen, behindert die eigenen Tüchtigkeit – das sagt man zwar nicht, handelt aber entsprechend; soziale Systeme machen die Menschen faul; Wohltätigkeit ist nur für die Allerärmsten da und wird meist über die Kirchen kanalisiert.“ Das schreibt Roland Günter 1982 in seinem Buch „Fotografie als Waffe – Zur Geschichte und Ästhetik der Sozialfotografie“ (rororo Sachbuch).

Fast 40 Jahre später würde man dazu wahrscheinlich „Streetfotografie“ sagen, aber seine Worte scheinen auch im Jahr EINS nach Donald Trump noch aktuell zu sein. Manchmal wundere ich mich, dass Obama-Care tatsächlich überlebt hat, so sehr ich den Leuten ein besseres Sozialsystem wünsche. Viele Amerikaner sehen noch immer keinen Sinn in einer Krankenversicherung (http://www.fluter.de/trump-unterstuetzer-zieht-bilanz).

Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie viel grössere Probleme haben: Heroin und Arzneimittelsucht raffen jedes Jahr mehr Menschen dahin als Mord und Verkehrsunfälle, die DEA spricht von einer nie da gewesenen Epidemie: 60.000 Tote im letzten Jahr. Und es sterben mehr Menschen an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Medikamente als an Heroin, Kokain oder an Partydrogen, durch den Konsum ihrer Eltern sind auch viele Kinder bereits abhängig. Prince gilt als das prominentestes Opfer des Mittels Fentanyl, das schneller abhängig macht als Heroin. Kein sehr einfaches Thema für Streetfotografie. Aber es gibt ja Alternativen, die gar nicht so weit davon entfernt sind: ‚Essen‘ zum Beispiel oder ‚Religion‘. ‚Geld‘ und ‚Macht‘ wäre auch reizvolle & sozial relevante Themen und nicht weniger problematisch. Dazu gibt’s gerade eine tolle Ausstellung von Lauren Greenfield im ICP Museum (International Center of Photography), doch dazu später mehr.

Was hält die Gesellschaft zusammen, wenn es eine so bunt gemischte ist wie in New York?

Viele sagen, Trump hat die Gesellschaft gespalten, seine Befürworter sagen Obama war’s. Es gibt heute keine gesicherte Erkenntnis mehr, zu der nicht jemand anderes das genaue Gegenteil behauptet (und damit auch noch durchkommt). Was mich aber am meisten schockiert: wie schnell gewöhnen sich die Menschen doch an diesen Fake-Bullshit. Das ist die grösste Katastrophe: dass ein fertiger Schwachsinn erzählt wird und alle nur noch müde den Kopf schütteln. Kein Skandal heute – nein – nur der ganz normale Wahnsinn. Erstaunlich, wie schnell die Ermüdung einsetzt und der Clown im Weissen Haus machen kann, was er will. Wie sagte Bertrand Russell so schön: „Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel“. Und daneben der unerschütterliche Glaube, dass man die grösste Nation der Welt ist und alles immer nur besser werden kann. Aber dass es in der ‚freien Welt‘ auch Probleme gibt, ist nichts Neues. Die Mechanismen, sie zu verschleiern sind nur viel besser ausgeprägt. Im Grunde ist ziemlich egal, was du so anstellst. Wichtig ist allein, was die richtigen Leute über dich denken. Alles ist gut, solange Mr. President über dich sagt: „… may have made a mistake, but … is a good person.“ Aber morgen kannst du schon verloren sein.

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  1. Pingback:New York - es wurde alles schon mal fotografiert (aber nicht von jedem) [Karl Valentin] | as I see it

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