Eines Morgens, nicht weit von Marrakesch

Heute Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. Eine halbe Stunde ausserhalb von Marrakesch, Blick auf den Hohen Atlas, am ausgetrockneten Flussbett vom „Oued Tensift“. Überall stinkt es nach Hühnerkacke, jemand verbrennt Plastik. Ich kann es nicht glauben, aber dieses verfickte Hotel ist wirklich am Arsch der Welt.

Ich gehe raus. Fünf Meter auf dem Weg nach oben in Richtung Dorf. Ein Zaun aus alten Autoreifen. Was aussieht wie eine Müllkippe, ist ein Gehege für zwei Hühner und einen Truthahn.

Ein alter Mann im Gewand steht daneben, schaut über den Fluss und zur Stadt rüber. ‚Bonjour‘ sage ich, ‚bonjour‘ sagt er.

Dann erscheint eine Frau mit rotem Kopftuch in einer Türe und ruft etwas in unsere Richtung. Ich denke, die beiden kennen sich, aber sie winkt mich zu ihr her. Ihr Sohn taucht auf.

Ist das hier der Stall? Oder ein Hinterhof, ist es eine Halle, eine Werkstatt? Ringsum liegen Polster, es zweigt ein weiterer Raum ab, den sie mir zeigen möchte. Da stehen Schafe und Ziegen drin. Der kleine Aziz zeigt mir voller Stolz ein Lamm. Sie ruft ihren Mann. Da begreife ich, ich stehe in ihrem Wohnzimmer. Links davon geht es in die Küche, der Raum rechts ist der Stall.

Wir gehen unter einem Vorhang durch, trinken Tee, dazu gibt es Brot, das wir in Olivenöl tunken. Jetzt kommt die Nummer, dass der Mann krank ist und Tabletten braucht. Aziz, ich schätze ihn auf 8 Jahre, holt seine Spielsachen. Es sind zwei Pistolen. Ihren Namen kann ich mir nicht merken.

Die Rollen sind gut einstudiert. Ihre Gastfreundschaft ist entwaffnend. Verständigung ist nur in Bruchstücken möglich. Der Kontrast zwischen der Lounge auf dem Dach des Hotels und der Küche der Bauern könnte nicht grösser sein.

Der Sohn macht mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt gefragt bin. Ich weiss nicht, was er sagt, verstehe aber, was es bedeutet: „Du bist reich. Wir sind arm. Du bist unser Geldautomat“. Womit er recht hat. Auf seine Art, jedenfalls.

Mohamed und seine Familie haben mich ohne jeden Filter an ihrem Leben teilhaben lassen. Sie fragen, ob ich morgen wieder kommen kann. Vielleicht habe ich ihnen zu viel gegeben. Vielleicht zu wenig. Ich gehe erst einmal zurück und dann fahre ich in die Stadt. Um Hefte zu kaufen. Und bunte Stifte. Für Aziz.

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