New York – Lower Manhattan & Bowery Viertel

Durch die Zeitverschiebung bin ich heute morgen um 2 Uhr wach geworden. Den Plan gleich los zu ziehen (weil das Licht vor Sonnenaufgang so schön ist) habe ich dann aber doch verworfen. Also nochmal eingeschlafen, dann geduscht und los. Jetzt ist die Sonne da und ich mache es mir im Cafe ‚Outpost‘ in Brooklyn gemütlich. Anschliessend werde ich erst einmal gemütlich durch Lower Manhattan streunen. Ich weiss nicht warum, aber die Feuerwehrautos haben es mir echt angetan. Zu meiner Zeit war es eben noch nicht so dass Jungs mit Barbies spielen sollten wegen diesem Genderzeug. Heute ist eben vieles anders aber manch ein Traum hat überlebt…

Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist selektiv

Zurück zu dem was wir Fotografen unsere Leidenschaft nennen. Roland Günter schreibt: „Die Fotografie ist ein Verfahren, mit dem Menschen sich die Wirklichkeit aneignen.“ Ich finde diesen Satz bemerkenswert. Er redet bewusst nicht von „Realität“, was sofort so etwas wie Objektivität suggeriert – sondern von ‚Wirklichkeit‘. Und die ist ja – wie wir wissen – sehr subjektiv. Oder sollten wir sagen sie ist ’selektiv‘? Sicher stimmt beides, aber eigentlich gefällt mir der letztere Begriff besser. Der Begriff ‚Wahrheit‘ legt doch nahe, dass es so etwas wie eine allgemein gültige Interpretation der Welt gibt. Diesen Anspruch habe ich – ehrlich gesagt – schon lange begraben, und lebe damit ganz gut. Allerdings scheint das nicht jeder so zu betrachten, manche Leute scheinen die Wahrheit regelrecht gepachtet zu haben (ja, das ist eine Anspielung an den aktuellen Präsidenten der USA). Egal, zurück zur Selektivität der Wirklichkeit. Ist es nicht so, dass jeder von uns nur einen Ausschnitt betrachtet von dem was uns umgibt? Und ist es nicht so, dass dies zwangsläufig zu unterschiedlichen Schlüssen führen muss?

Bowery Street: ein ganzes Universum in einem Viertel

Im Café Gitane, der perfekten Illusion eines französischen Strassencafés, gibt es einen sehr(!) leckeren Cappuccino inklusive ‚Pain au Chocolat‘, letzteres leider etwas überteuert, wie ich finde. Die Amis lieben es eine fremde Kultur zu klonen um die Inszenierung zu Geld zu machen. Da lernst du so einiges über Marketing. Hier wird kein Cafe verkauft, sondern das französische Lebensgefühl.

Bowery Street New York

Bowery Street New York

Aber jetzt zu meiner heimlichen Liebe. Wenn es eine Strasse gibt, die für mich New York verkörpert: Bowery. Ursprünglich als Ansammlung von Bauernhöfen entstanden, bevor sie zu einem Nobelviertel wurde und dann völlig abgestürzt ist – mit Bandenkriegen, horizontalem Gewerbe, usw. verkörpert sie heute fast alles in einem. Sie ist dreckig, stinkt, ist laut und auch ein wenig gefährlich. Aber das beste sind diese Geschäfte für Küchenbedarf. Du kannst hier einen Rührbesen oder ganze Gastronomie-Einrichtungen kaufen, manche sind auf Stühle für den Gastraum spezialisiert, während ein anderes Geschäft alle Arten von Keilriemen anbietet. Das hat zwar nichts mit der Gastronomie zu tun, Keilriemen braucht man aber auch. Wenn ich davor stehe, komme ich mir vor wie im Film „Ghost Dog“ oder „Leon der Profi“ oder so was. Dann gibt es noch die Seitenstrassen und hier und dort machen jetzt diese extravaganten Designerschuppen auf. Ein paar Meter wieder ein Chinese und es hängen gebratene Enten im Schaufenster, die sogleich mit dem Hackbeil verarbeitet werden. Dieses Universum aus allen möglichen und unmöglichen Welten ist einfach köstlich, nirgendwo liegt Schick und Scheisse näher beieinander als in der Bowery Street. I love it.

ICP Museum: Dekadenz in Tüten und Wohlstand in Bildern von Lauren Greenfield

Noch nicht sehr lange hier ist auch das Museum des ICP (International Center of Photography), in dem gerade Lauren Greenfield’s Ausstellung ‚Generation Wealth‚ zu bestaunen ist. Dafür ist sie über 20 Jahre um die Welt gereist und hat so wunderbar viel von diesem „Geld-ist-geil-Wahnsinn“ eingefangen, dass es eine Freude ist. Es geht um den Konsumwahn, die Verherrlichung von Reichtum, den Materialismus als Ersatzreligion, aber vor allem um die Illusion, die sich in den Köpfen der Leute festsetzt wenn es geil ist Geld zu haben. Es geht aber auch um den Luxus der Schönheit und wie wir sie inzenieren. Und es geht um den Absturz, die Finanzkrise, die Leute, die auf unglaublich unmoralische Arte davon profitiert haben und jetzt Gefangene ihrer eigenen Gier oder im Gefängnis sind. Ein erstaunlich vielseitiges und vielschichtiges Werk, das da entstanden ist. Die Frau hat echt was zu erzählen und wie es ihr gelingt die Motive und Symbole dieser Ersatzreligion einzufangen und auf ein paar wenige Signale in einem Foto herunter zu dampfen, ist bewundernswert. Hier erzählt Lauren Greenfield über ihre aktuelle Ausstellung.

Gegen Abend unternehme ich dann einen Abstecher zum 9/11 Memorial und an den Hudson. So langsam geht die Sonne hinter Jersey unter und zaubert am Himmel und auf dem Hudson River traumhafte Farben. Im Battery Park lerne ich Lauren kennen, die hier ihre Pause verbringt und auch den Sonnenuntergang am Hafen geniesst.

Inzwischen bekomme ich langsam wieder Hunger. Bevor ich mich in so einen Nobelschuppen voller Wallstreet Banker verirre, gehe ich doch lieber kurz rüber ins Chinatown. Da kannst du für ein paar Dollars sehr gutes und frisches Essen erwischen. Einige Restaurants bieten Ente nach einem Familienrezept an, was bei der asiatischen Community sehr gut ankommt. An den Ständen und in den Geschäften gibt es praktisch alles was auf dieser Erde so kreucht und fleucht. Manches Getier ist getrocknet oder pulverisiert und der Rest lebt noch. Mehr oder weniger jedenfalls. Das meiste hier spielt sich direkt auf der Strasse ab, jetzt entdecke ich auch noch eine Markthalle. Ein paar Minuten komme ich zu spät, sie hat gerade geschlossen, ich kann nur noch durch ein Fenster rein schauen. Kaum sind die Leute weg, rennen die Ratten unter den Gestellen durch. So richtig authentisch eben.

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